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Die Sonne, der Wind und sieben Jahre Psychotherapie-Ausbildung

Joerg Kuehn · Jun 23, 2026 · Leave a Comment

Am 26. Mai 2026 erhielt ich nach 1,5 Stunden Abschlussprüfung die erlösende  Nachricht des Prüfungsgremiums:

“Herzlichen Glückwunsch, Joerg. Sie sind nun offiziell anerkannter Psychotherapeut (UKCP).”

Puh. Es brauchte ein paar tiefe Atemzüge und eine ganze Weile, bis ich wirklich begriff, was gerade passiert war. Eine intensive Reise von sieben Jahren – mit mehr als 1.800 Ausbildungs- und Unterrichtsstunden, klinischer Supervision, eigener Therapie, fast 1.000 Stunden Klientenarbeit sowie einer Vielzahl von Essays – war zu Ende gegangen.

In den Tagen danach habe ich versucht zu verstehen, was ich auf dieser Reise gelernt habe. Einige der Erkenntnisse könnten auch für andere interessant sein, deshalb möchte ich sie hier teilen.

Man sagt: „Beginne immer mit dem Warum.“

Mein Ziel war nie der Titel Psychotherapeut selbst, aber nach fast sechs Jahren als Vollzeit-Coach merkte ich, dass ich immer wieder Klientensituationen begegnete, in denen mir schlicht das nötige Wissen fehlte. Ich wollte die menschliche Psyche besser verstehen, um Menschen wirksamer begleiten zu können – unabhängig davon, womit sie gerade zu kämpfen hatten.

Mit diesem Warum vor Augen begann ich die Ausbildung und begeisterte mich schnell für die Unterrichtseinheiten und unsere sehr offene Seminargruppe. Neben der Theorie verbrachten wir unzählige Stunden damit, die Methoden praktisch zu üben.

Dann kam das erste Essay.

Schnell wurde mir klar, wie herausfordernd das werden würde. Mein letzte Studienarbeit lag mehr als 25 Jahre zurück – und war auf Deutsch geschrieben worden. Entsprechend durchwachsen fielen die ersten Ergebnisse aus. Der Tiefpunkt war dabei die Ethikarbeit, die drei Überarbeitungen benötigte. Eine vierte ungenügende Abgabe hätte zum Ausschluss aus dem Studium geführt.

So kam eine meiner ersten Erkenntnisse bereits sehr früh:

Erkenntnis #1: Gib nicht auf. Mach weiter.

Ich liebte die ersten Fallstudien mit echten Klienten. Doch einige meiner wichtigsten Lernerfahrungen entstanden in der Supervision mit meinem Supervisor Steve.

Durch meinen Hintergrund als deutscher Maschinenbauingenieur merkte ich, dass ich viele Klientensituationen immer mit einer gewissen Problemlöser-Mentalität anging. Wenn Menschen litten, war mein erster Impuls oft zu analysieren, zu helfen und zu reparieren.

Das Problem war nur: In der Therapie funktionierte das häufig nicht.

Manche Klienten blieben. Andere stimmten stillschweigend mit den Füßen ab und kamen nicht zurück.

In dieser Zeit erzählte mir Steve die Geschichte von Sonne und Wind, die für mich zu einem echten Wendepunkt wurde. Zusammen mit Brené Browns Arbeit über Empathie half sie mir zu verstehen, wie man Menschen besser unterstützen kann, ohne sofort zu versuchen, ihre Probleme zu lösen.

Als ich dieses Thema in der Supervision und meiner eigenen Therapie weiter erforschte, erkannte ich etwas Überraschendes: Mein Drang, Probleme lösen zu wollen, war nicht einfach das Ergebnis meiner Ingenieursausbildung.

Darunter lag eine subtile Angst – die Angst, etwas nicht zu wissen, keinen Mehrwert zu schaffen oder den Schmerz eines anderen Menschen auszuhalten, ohne ihn beseitigen zu können.

Trotz dieser Angst präsent zu bleiben, wurde zu einer der wertvollsten Lektionen meiner gesamten Ausbildung.

Erkenntnis #2: Manchmal ist es am hilfreichsten, nicht sofort Probleme lösen zu wollen.

Steve vertiefte diese Lektion mit der berühmten Szene aus Das Leben des Brian, in der jemand einem anderen dessen Kreuz abnehmen möchte – und am Ende selbst gekreuzigt wird.

Wenn ich ehrlich bin: Das war manchmal ziemlich genau ich.

Mit der Zeit stabilisierte sich jedoch meine Praxis. Klienten blieben. Dinge kamen in Bewegung.

Langsam begann ich zu verstehen, dass meine Aufgabe nicht darin besteht, Menschen aus jeder Schwierigkeit zu retten, sondern sie auf ihrem Weg zu begleiten.

Dabei erkannte ich noch etwas anderes: Manche Herausforderungen des Lebens sind nicht dafür da, sofort gelöst zu werden. Manchmal ist der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen. Manchmal entfaltet sich die Lektion noch. Und manchmal sind Menschen einfach noch nicht bereit.

Erkenntnis #3: Nicht alles und jeder lässt sich reparieren.

Das war keine einfache Erkenntnis – aber eine wichtige.

Enorm geholfen hat mir auch meine eigene Therapie. In mehr als 100 Stunden lernte ich unterschiedliche therapeutische Ansätze und Therapeuten kennen, darunter auch Naturtherapie. Besonders die Erfahrungen mit dem deutschen Therapeuten Ludwig in den Wäldern von Wales waren tiefgehend, bewegend und augenöffnend.

Es gab dort keine Bäume mit Burnout.

Es gab dort auch keine Flüsse mit Angststörungen.

Die Natur half mir, klar, geerdet und verbunden zu bleiben. Sie erinnerte mich daran, dass das Leben eine eigene Intelligenz besitzt und dass nicht jede Herausforderung unbedingt mehr Anstrengung erfordert.

Erkenntnis #4: Das Leben weiß, wie Wachstum funktioniert. Vertraue darauf.

Schließlich kam meine Diplomarbeit.

Nachdem meine ersten beiden Forschungsvorschläge abgelehnt worden waren, schrieb ich schließlich über Insecure Overachiever (Unsichere Erfolgsbiester) – ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt.

Dabei untersuchte ich, wie leistungsorientierte Menschen in Kreisläufe aus Leistung, Anerkennung und Selbstwert geraten können und dabei ihre eigene Wertschätzung fast ausschließlich aus den Erfolgen beziehen. Wenn die Erfolge einmal ausblieben, entstanden große Lücken.

Ich entdeckte, dass deutlich gesündere und nachhaltigere Formen des Strebens möglich sind.

Erkenntnis #5: Leistung ist ein schlechter Ersatz für Selbstwert.

Rückblickend scheinen all diese Erkenntnisse irgendwie in dieselbe Richtung zu weisen: weniger reparieren, weniger kämpfen, mehr Vertrauen – in das Leben und die Menschen.

Vielleicht steckt darin etwas für uns alle.

Wenn ein Freund, Kollege, Partner oder Familienangehöriger mit einer emotionalen Herausforderung zu uns kommt – wie schnell schalten wir dann in den Problemlösungsmodus?

Ich weiß genau, wie leicht das passiert.

Doch es gibt auch einen anderen Weg.

Brené Brown spricht davon, mit dem anderen „in den Keller hinunterzugehen“.

Einfach da sein. Zuhören. Präsent sein.

Als Therapeuten besteht unsere Aufgabe oft nicht darin zu heilen, sondern für andere da zu sein.

Und ich glaube zunehmend, dass unsere Fähigkeit, füreinander da zu sein, eines der wertvollsten Geschenke ist, die wir Menschen einander machen können.

Liebe Grüße

Joerg

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