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Seine besten Jahre begannen nach einem großen Umbruch

Joerg Kuehn · May 25, 2026 · Leave a Comment

Wir alle erleben neue Lebensphasen … ein neuer beruflicher Abschnitt, ein Umzug, die Rückkehr nach einer Pause oder Krankheit, verschiedene Ausbildungsphasen, eine Trennung — und vieles mehr.

Und oft sind es genau diese Übergänge, die uns besonders herausfordern. Vielleicht, weil wir etwas loslassen müssen. Vielleicht, weil wir noch gar nicht wissen, was als Nächstes kommt.

Vor einigen Wochen traf ich meinen ehemaligen Chef Brian wieder, der mittlerweile seit über 12 Jahren im Ruhestand ist. Als wir uns unterhielten, erzählte er mir, dass diese Jahre für ihn „die besten seines Lebens“ gewesen seien.

Das hat mich fasziniert. Denn Brian war nicht einfach nur „in Rente gegangen“. Er hatte diesen Übergang ganz bewusst gestaltet.

Im letzten Jahr vor seinem Ruhestand hatte Brian das Glück, in einer Aufgabe zu arbeiten, die wie eine Art „Abkühlphase“ nach den hektischen und stressigen Jahrzehnten zuvor wirkte. Und er nutzte diese Zeit bewusst. Er nahm sich Raum, um darüber nachzudenken, was ihm im nächsten Lebensabschnitt wirklich wichtig sein würde.

Er wusste, dass er aktiv bleiben wollte — aber etwas vollkommen anderes machen wollte als jahrzehntelang in der Welt der Supply Chain. Außerdem wollte er seinem Vater beweisen, dass er etwas mit seinen Händen erschaffen konnte.

Er liebte Gitarren, hatte aber noch nie selbst eine gebaut — also meldete er sich für einen Gitarrenbaukurs an.

Er wollte auch die lokale Sprache lernen — also schrieb er sich bei einem Sprachkurs ein.

Außerdem fühlte er sich von Kunst angezogen, merkte aber, wie wenig er darüber wusste — also begann er einen Kurs in Kunstgeschichte.

Sein letzter Arbeitstag bei P&G war an einem Freitag. Bereits am darauffolgenden Montag saß er morgens im Sprachkurs und nachmittags in der Gitarrenwerkstatt. Ein voller, aber ausgewogener Kalender — mit Zeit für Sport und Erholung.

In dieser Zeit wurde die Gitarrenbauschule Teil eines größeren EU-Projekts. Es ging darum, Gitarren aus nicht-tropischem Holz zu entwickeln. Brian wurde zum Auftakttreffen eingeladen.

Während der leidenschaftlichen Diskussionen fand er sich plötzlich vor dem Flipchart wieder — strukturierte die Gedanken der Teilnehmer, brachte Klarheit in die Gespräche und tat genau das, was er jahrzehntelang so gut gemacht hatte.

Und die Menschen bemerkten es.

Brian wurde eingeladen, dem Vorstand beizutreten, und wurde später sogar Vorsitzender.

Über mehr als zehn Jahre half er dabei, die Schule so weiterzuentwickeln, dass sie sich heute um eine königliche Anerkennung für ihren gesellschaftlichen Beitrag bewirbt.

Nebenbei lernte Brian die lokale Sprache, malte viele Bilder und konnte seinem Vater schließlich die selbstgebauten Gitarren zeigen. Und all das, während er sein Leben ganz offensichtlich genoss.

Was mich am meisten beeindruckte: Brian hatte nicht alles bis ins Detail geplant. Er hat einfach angefangen — und blieb offen für das, was sich daraus entwickelte.

Als ich mit Brian darüber sprach, warum ihm dieser Übergang so gut gelungen ist, fielen uns vier Schritte auf:

1. Beginne, bevor du aufhörst

Wenn etwas endet, verlieren wir oft einen Teil unserer Identität. Das kann sehr schmerzhaft sein und braucht Zeit, verarbeitet zu werden.

Wenn möglich, sollten wir uns bereits vor dem Übergang innerlich darauf vorbereiten und den Verlust langsam verarbeiten. Wenn das nicht möglich ist — weil manche Übergänge abrupt kommen oder nicht freiwillig sind, wie zum Beispiel der Verlust eines Jobs — dann wird es umso wichtiger, sich direkt danach bewusst Raum zu schaffen.

Ein wenig Abstand. Ein wenig Entschleunigung. Fast wie eine Art Detox.
Damit wir verarbeiten können, was zu Ende gegangen ist — und etwas Neues entstehen kann.

 

2. Finde heraus, was dir wirklich wichtig ist

Ohne Klarheit laufen wir Gefahr, einfach wieder in Dinge hineinzurutschen, die uns nicht wirklich erfüllen — oder nur eine neue Version dessen zu erschaffen, was wir eigentlich hinter uns lassen wollten.

Hilfreich können dabei Dinge sein wie Tagebuchschreiben, Gespräche mit Freunden, Zeit in der Natur oder einfach ruhige Momente, in denen wir wieder spüren, was uns wirklich Energie gibt — und was nicht.

Hilfreiche Fragen können sein:

  • Wann hast du dich wirklich lebendig gefühlt?
  • Was würdest du tun, wenn Geld keine Rolle spielen würde?
  • Was sagen andere über deine größten Stärken?

 

3. Mache den ersten kleinen Schritt

Ohne Handlung bleiben wir oft im Denken stecken — und warten auf die perfekte Antwort, die meistens nie kommt. Deshalb: nicht zu viel grübeln. Einfach ausprobieren.

Brian war dabei sehr klar: Wenn etwas nach einigen Monaten nicht gepasst hätte, hätte er etwas anderes versucht.

Das ist wichtig: Wir treffen keine Entscheidungen für die Ewigkeit. Wir erkunden.

 

4. Lass Dinge entstehen — und dich finden

Wenn wir einmal losgehen, ist es wichtig dranzubleiben und gleichzeitig offen zu bleiben.

Oft tauchen Möglichkeiten plötzlich auf — aber meistens erst dann, wenn wir bereits in Bewegung sind.

Dafür braucht es Vertrauen. Und auch ein Stück Loslassen.

Als ich Brian traf, hatte ich das Gefühl, einem Menschen zu begegnen, der sehr im Einklang mit seinem Leben war. Jemand, der mit einem großen Lächeln auf diese Jahre zurückblickte.

Und jetzt steht bereits der nächste Übergang an: der Rückzug aus seiner Rolle als Vorsitzender.

Ich bin mir sicher, dass er auch diesen neuen Abschnitt gut meistern wird.

Falls du selbst — oder jemand in deinem Umfeld — gerade vor einem neuen Kapitel stehst, nimm dir vielleicht einen Moment Zeit, über Brians vier Schritte nachzudenken.

Kein Übergang ist identisch. Aber vielleicht gibt es ein oder zwei Gedanken aus seiner Geschichte, die gerade jetzt hilfreich sein könnten.

Cheerio

Joerg

 

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