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Die Kunst des Loslassens …

Joerg Kuehn · Oct 27, 2026 · Leave a Comment

Manchmal hat das Leben schon einen eigenartigen Sinn für Humor.

Ich habe mich diesen Monat ziemlich schwergetan, meinen Newsletter über die Kunst des Loslassens zu schreiben. Verschiedene Ideen, Geschichten und Blickwinkel ausprobiert. Aber irgendwie wollte nichts so richtig zusammenpassen.

Bis ich schließlich aufgehört habe, es unbedingt erzwingen zu wollen.

Mit anderen Worten: Ich habe losgelassen. 😊

Und plötzlich fanden sich zwei Geschichten, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten: die Geschichte eines alten chinesischen Regenmachers und die einer weltberühmten Rocksängerin.

Was die beiden wohl gemeinsam haben?

Geschichte eins – Der Regenmacher

Eine alte Parabel, die unter anderem durch den Psychologen Carl Gustav Jung bekannt wurde, erzählt von einem Dorf, das unter einer schrecklichen Dürre leidet.

Die Felder vertrocknen, die Menschen sind verzweifelt, und alle bisherigen Versuche, Regen herbeizuführen, sind gescheitert.

Schließlich lassen die Dorfbewohner einen alten Regenmacher aus einer anderen Gegend kommen.

Er trifft ein, schaut sich ein wenig um und bittet um eine kleine Hütte, in der er ungestört bleiben kann.

Drei Tage lang tut er rein gar nichts. Zumindest sieht es für die Dorfbewohner so aus. Keine aufwendigen Rituale. Keine Opfergaben. Kein spektakulärer Regentanz.

Und dann, am vierten Tag, beginnt es tatsächlich zu regnen.

Die verblüfften Dorfbewohner fragen ihn, wie er das nur geschafft habe.

Er erklärt, dass er bei seiner Ankunft gespürt habe, wie sehr das Dorf aus dem Gleichgewicht geraten war. Und diese Unruhe hatte auch ihn selbst aus seiner inneren Balance gebracht.

Deshalb hatte er sich in die Hütte zurückgezogen. Nicht, um Regen herbeizuzaubern, sondern um seine eigene innere Harmonie wiederzufinden.

Und als diese zurückgekehrt war, kam auch der Regen.

Geschichte zwei – Alanis Morissette und Thank U

1995 veröffentlichte Alanis Morissette ihr Album Jagged Little Pill. Es wurde zu einem der meistverkauften Alben aller Zeiten.

Doch hinter diesem unglaublichen Erfolg steckte eine völlig erschöpfte junge Frau. Nach rund 300 Auftritten innerhalb von 18 Monaten zog sie sich erst einmal aus dem Musikgeschäft zurück.

Sie hatte erreicht, wovon so viele Menschen träumen. Ruhm, Anerkennung und kommerziellen Erfolg.

Und trotzdem fehlte etwas.

In einem Interview mit der Los Angeles Times erklärte sie 1998, dass sie gehofft hatte, durch ihren äußeren Erfolg endlich inneren Frieden und Selbstwertgefühl zu finden. Doch genau diese Bedürfnisse blieben unerfüllt.

Also nahm sie sich eine längere Auszeit, verbrachte wieder mehr Zeit mit Familie und Freunden, beschäftigte sich mit Spiritualität und reiste nach Indien.

Ihre Erfahrungen dort stellten etwas ganz Grundsätzliches infrage: ihre bisherige Überzeugung, dass es im Leben vor allem darum gehe, etwas zu erreichen, erfolgreich zu sein und möglichst alles unter Kontrolle zu haben.

Doch diese Veränderung kam nicht allein durch ihre Indienreise. Sie brauchte auch Zeit, um ihre Erfahrungen zu verarbeiten, und verbrachte nach ihrer Rückkehr nach Los Angeles mehrere Wochen ganz bewusst allein.

Und dann geschah etwas Wunderschönes.

Sie begann wieder, Musik zu machen.

Nicht, weil sie sich mit aller Macht dazu gezwungen hatte, endlich wieder produktiv zu sein, sondern weil die Inspiration von ganz allein zurückgekehrt war.

In einem CNN-Rückblick aus dem Jahr 2004 erzählte ihr musikalischer Wegbegleiter Glen Ballard, wie mühelos die Musik plötzlich wieder aus ihr herausfloss.

Einer der Songs, die damals entstanden, war Thank U.

Ich bin vor Kurzem beim Anschauen des Films The Way wieder auf dieses Lied gestoßen. Was mich an diesem Lied so bewegt, ist, dass Alanis nicht einfach nur für die schönen Dinge des Lebens dankbar ist.

Sie bedankt sich auch für die schwierigen Erfahrungen. Für Enttäuschungen, Verletzlichkeit, Angst, die Konsequenzen ihres Handelns und sogar für Momente des Schreckens.

Und dann kommen zwei Zeilen, die mich ganz besonders berühren.

Sinngemäß beschreibt sie, wie sie gerade in dem Moment, als sie endlich losließ, mehr bekam, als sie sich jemals hätte vorstellen können. Und wie sie ausgerechnet dadurch, dass sie den Sprung ins Ungewisse wagte, wieder festen Boden unter den Füßen fand.

Vielleicht musste sie gar nicht noch mehr erreichen. Vielleicht musste sie einfach nur einmal innehalten.

Zwei völlig unterschiedliche Geschichten, aus verschiedenen Zeiten und Kulturen. Und doch scheinen beide auf etwas ganz Ähnliches hinzuweisen.

Vielleicht bedeutet Loslassen gar nicht, etwas zu verlieren. Vielleicht schaffen wir dadurch erst den Raum für etwas, das wir mit all unserem Festhalten überhaupt nicht entdecken konnten.

Der Regenmacher hörte auf, das Wetter verändern zu wollen, und kümmerte sich stattdessen um sein eigenes inneres Gleichgewicht.

Alanis stieg für eine Weile aus dem Hamsterrad des Erfolgs aus und fand nach und nach ihre Kreativität wieder.

In keiner der beiden Geschichten geht es darum, einfach aufzugeben.

Vielmehr erinnern sie uns daran, dass die Antwort manchmal eben nicht darin liegt, uns noch mehr anzustrengen, noch mehr zu kontrollieren oder mit noch mehr Kraft etwas erzwingen zu wollen.

Manchmal müssen wir einfach einen Schritt zurücktreten.

Gibt es gerade etwas in deinem Leben, das du unbedingt erreichen oder zum Funktionieren bringen möchtest?

Etwas, an dem du immer wieder herumbastelst, das du unbedingt lösen oder unter Kontrolle bekommen willst?

Vielleicht braucht es nicht noch mehr Anstrengung, um es endlich regnen zu lassen.

Vielleicht ist es an der Zeit, dich für eine Weile in deine eigene kleine Hütte zurückzuziehen …?

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Deutscher Blog burn out, Emotions, Freude, mit Stress umgehen, Positive Einstellung, Selbstverwaltung

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