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Eine gute Demütigung ist manchmal Gold wert!

Joerg Kuehn · Sep 1, 2026 · Leave a Comment

Während der sechsmonatigen Renovierung unseres neuen Zuhauses hatten wir ein sehr gutes Verhältnis zu unserem Handwerker Slavo aufgebaut. Dabei stellte sich heraus, dass er nicht nur ein begnadeter Klempner, Elektriker, Fliesenleger und Schreiner ist, sondern auch eine Art Zen-Meister.

Etwa ein Jahr nach unserem Einzug erledigte er noch eine kleinere Arbeit bei uns. Ich sagte ihm, wie sehr ich all das schätzte, was er in unserem Haus geleistet hatte. Ganz beiläufig antwortete er: „Na ja, Jörg, irgendwann wird schon irgendetwas kaputtgehen.“

Ich schenkte dem nicht viel Beachtung. Nach einem Jahr im neuen Haus und mit Slavo‘s vermeintlich letztem Besuch für längere Zeit hatte ich vielmehr das Gefühl: Jetzt sind wir endlich fertig. Das Haus war renoviert und alles erledigt. Keine Reparaturen, keine Pannen, kein Schweiß und Stress mehr.

Nada.

Spulen wir exakt vier Wochen vorwärts nach Slavo‘s Besuch. Anne kam plötzlich nach oben gerannt mit der Botschaft: „Aus der Deckenlampe in unserer Küche tropft Wasser.“

Meine Güte. Das konnte doch nicht wahr sein. Wie konnte das passieren?

Und fast augenblicklich verlor ich die Fassung. Ein ordentlicher Wutanfall, gemischt mit Frustration, Fassungslosigkeit und einem leichten Gefühl des Weltuntergangs. Wahrscheinlich bin ich dabei sogar ein wenig wie Rumpelstilzchen durch die Küche gehüpft (siehe Bild oben).

Anne fasste meine Reaktion später als „durchaus überzogen“ zusammen.

Es dauerte eine Weile, bis ich zu etwas zurückfand, das meinem üblichen ruhigen Selbst ähnelte. Schließlich machten wir einen Plan und eine Woche später war das Leck repariert. Bei der Gelegenheit konnten wir sogar noch ein paar Dinge im Badezimmer verbessern. Danke Slavo!

Etwa zur gleichen Zeit hörte ich Richard Rohr‘s Hörbuch Falling Upward. Passenderweise sprach Rohr darin über etwas, das er „Shadowboxing“ – Schattenboxen nennt: die lebenslange Aufgabe, unsere Schattenseiten wahrzunehmen und zu integrieren – jene Seiten in uns, die wir lieber nicht sehen möchten.

Eine Möglichkeit, wie sich unser Schatten zeigt, sind laut Rohr Situationen, in denen unsere emotionale Reaktion in keinem rechten Verhältnis zu dem steht, was tatsächlich passiert ist.

Nun ja. Richard Rohr hätte genauso gut in unserer Küche stehen können …

Er fasst seine eigene Praxis in einem wunderbaren Satz zusammen: „Seit Jahren bete ich jeden Tag für eine gute Demütigung – und beobachte meine Reaktion darauf genau.“

Vor allem der zweite Teil blieb bei mir hängen: meine Reaktion beobachten.

Die kleinen Demütigungen können das durchlöchern, was Rohr unsere idealisierte Persona nennt – also die Person, für die wir uns gerne halten. Und dabei kann plötzlich etwas zum Vorschein kommen, das darunter verborgen liegt.

Meine Reaktion auf das Leck hatte meine Persona jedenfalls ziemlich erfolgreich durchlöchert.

Als ich später genauer hinschaute, wurde mir klar, dass ich mit Unsicherheit und Kontrollverlust wohl doch nicht ganz so entspannt umgehe, wie ich gerne von mir dachte.

Rein logisch wusste ich natürlich, dass in einem weit über 100 Jahre alten Haus Dinge kaputtgehen können und werden. Aber irgendwo tief in mir wollte ich, dass unser Haus perfekt, fertig und unter Kontrolle war. Vielleicht gab es da sogar einen Teil in mir, der dachte: Nach allem, was wir in dieses Haus gesteckt haben, habe ich es jetzt doch wirklich verdient, dass alles funktioniert.

Plötzlich ergab die Intensität meiner Reaktion etwas mehr Sinn.

Das Leck war das eine Problem. Darunter lag aber mein Bedürfnis, alles geregelt zu haben, mein Wunsch nach Kontrolle und vielleicht sogar meine Überzeugung, dass ich erst sicher bin, wenn ich alles um mich herum unter Kontrolle habe.

Offensichtlich hatten sich hinter unserer Deckenlampe ein paar interessante Schatten versteckt.

Beim Schattenboxen geht es jedoch nicht darum, uns für solche Reaktionen zu verurteilen. Es geht darum, sie wahrzunehmen. Denn sobald wir sie sehen können, kontrollieren diese Schattenseiten uns nicht mehr ganz so sehr.

Wir alle erleben schwierige und stressige Situationen. Meistens gehen wir damit gut um und machen einfach weiter. Aber manchmal passiert etwas relativ Kleines und unsere innere Reaktion darauf erscheint merkwürdig groß.

Anstatt sofort eine Geschichte zu konstruieren, die unsere Reaktion rechtfertigt – etwas, von dem Rohr zugibt, es selbst innerhalb von Sekunden zu schaffen – könnten wir vielleicht neugierig werden:

  • Warum stört mich DAS eigentlich so sehr?
  • Was in mir fühlt sich bedroht?
  • Was versuche ich gerade zu beschützen?
  • Und was sagt mir das über die Person, von der ich glauben muss, dass ich sie bin?

Vielleicht sind es genau solche Momente, die Rohr mit seinen „guten Demütigungen“ meint. Keine Demütigungen, die uns andere Menschen absichtlich zufügen. Und ganz sicher keine Aufforderung, nach Leid und Schmerz zu suchen. Vielmehr sind es jene ganz gewöhnlichen Momente, die uns das Leben schenkt, um unser sorgfältig konstruiertes Bild von uns selbst ein wenig zu durchlöchern – und uns damit vielleicht etwas näher zur Demut zu bringen.

Das Wort Demut hat im Englischen eine besonders schöne sprachliche Verbindung: humility geht auf das lateinische humus zurück – Erde oder Boden. Vielleicht steckt darin etwas sehr Schönes. Hin und wieder holt uns das Leben zurück auf den Boden der Tatsachen und lässt uns wieder etwas bodenständiger werden.

Slavo hatte also ziemlich weise gesagt: „Irgendwann wird schon irgendetwas kaputtgehen.“

Möglicherweise besteht die Weisheit nicht darin, ein Leben zu konstruieren, in dem niemals etwas kaputtgeht. Vielleicht geht es vielmehr darum wahrzunehmen, was in uns aufbricht, wenn es passiert.

Und vielleicht betet Richard Rohr genau deshalb jeden Tag für eine gute Demütigung.Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich mich seinem Gebet direkt anschließen möchte. Aber vielleicht können wir alle ein wenig neugieriger werden, wenn unsere Reaktion das nächste Mal deutlich größer erscheint als das eigentliche Problem – und kurz innehalten, bevor wir dem Wasserschaden, unserem Gegenüber oder gleich dem ganzen Universum die Schuld geben.

Vermutlich lauert da irgendwo im Dunkeln ein kleiner Schatten, der nur darauf wartet, gesehen zu werden.

Und wer weiß – vielleicht ist die eine oder andere Demütigung dann tatsächlich Gold wert.

Cheerio,

Joerg

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Deutscher Blog Familie, mit Stress umgehen, Positive Einstellung, Resilienz, Selbstverwaltung, Unterstützung

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