
Ende August habe ich mir sechs Tage Auszeit gegönnt. Nachdem ich 2025 den South Downs Way gewandert war, hatte ich diesmal den Ridgeway im Visier – er gilt als älteste „Straße“ Großbritanniens und wird seit mehr als 5.000 Jahren von Menschen begangen.
Voller Begeisterung machte ich mich also am berühmten Steinkreis von Avebury auf den Weg … 160 Kilometer allein durch weite, offene Landschaft. Ich genoss die Einsamkeit. Keine Meetings. Keine E-Mails. Keine Ablenkung. Einfach einen Fuß vor den anderen setzen.
Und irgendwo unterwegs begann ich etwas zu lernen, dessen eigentliche Bedeutung sich mir erst viel später erschließen sollte …
Der Ridgeway ist technisch gesehen kein besonders schwieriger Wanderweg. Aber sechs Tage hintereinander jeweils rund 27 Kilometer zu laufen, verbunden mit seiner Abgeschiedenheit, machte ihn anstrengender, als ich erwartet hatte. Das erste Café direkt am Weg kam nach ca. 90 Kilometern …!

Wann immer es anstrengend wurde, bemerkte ich ein interessantes kleines Kopfkino in mir:
Kopf: Nun reiß dich mal zusammen! Du hast schon viel härtere Sachen gemacht. Du hast dir ein Ziel gesetzt, also ziehst du das jetzt auch durch. Auf dem Camino bist du 26 Tage lang durchschnittlich 30 Kilometer gelaufen. Langsamer laufen ist keine Option!
Körper: Ein Schritt nach dem anderen. Langsamer. Eine Pause wäre gut. Zeit für etwas Wasser und einen Snack. Heute Abend kein großes Essen, einfach ausruhen und schlafen.
Ich hörte mehr auf meinen Körper, als ich es früher vielleicht getan hätte und sechs Tage später erreichte ich Ivinghoe Beacon. Aber die eigentliche Lektion kam erst eine Woche später, als ich mit Ludwig im walisischen Wald über die Wanderung nachdachte.
„Es war wunderschön“, sagte ich zu ihm. „Und hart.“
Ludwig stoppte mich: „Warum war es hart?“
Eine ärgerlich gute Frage. 😄
Niemand hatte mich gezwungen, jeden Tag 27 Kilometer zu laufen. Ich hätte auch 20 laufen können. Längere Pausen machen. Einen Tag aussetzen. Ein Taxi rufen. Zwei Stunden unter einem Baum sitzen.
Woher kam also diese Härte?
Als wir dieser Frage nachgingen, erkannte ich einen alten und sehr vertrauten Charakter: meinen inneren treuen Soldaten – ein Konzept, das Bill Plotkin und Richard Rohr wunderbar beschrieben haben.
Mein treuer Soldat rief: Was du angefangen hast, bringst du auch zu Ende! Liefere! Enttäusche niemanden! Beweise dich!
Dieser Soldat hat mich in meinem Leben sehr weit gebracht. Aber vielleicht muss er nicht rund um die Uhr im Dienst sein?
Dabei musste ich an die bemerkenswerte Geschichte des japanischen Leutnants Hiroo Onoda denken. Am Ende des Zweiten Weltkriegs war Onoda auf der Insel Lubang auf den Philippinen stationiert. Da er nicht glauben wollte, dass Japan kapituliert hatte, setzte er seinen Auftrag fast 29 Jahre lang fort. Selbst Flugblätter, die das Ende des Krieges verkündeten, konnten ihn nicht überzeugen. Er hielt sie für feindliche Propaganda.
Als ihn 1974 schließlich ein junger japanischer Abenteurer fand, bestand Onoda darauf, seinen Posten nur dann zu verlassen, wenn sein ehemaliger Vorgesetzter ihn persönlich von seinem Auftrag entbinden würde.
Also machte Japan Major Yoshimi Taniguchi ausfindig … inzwischen Buchhändler … und brachte ihn auf die Philippinen. Erst als Taniguchi ihn offiziell von seinen Pflichten entband, endete Onodas Krieg und er konnte endlich nach Hause zurückkehren.

Photo by By Malacañang Palace – http://www.gov.ph/, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=43328893
Durch Onodas Geschichte wurde mir bewusst, dass auch wir solche treuen Soldaten in uns tragen können. Sie sind keineswegs unbedingt etwas Schlechtes. Ganz im Gegenteil. Sie haben uns in der Vergangenheit geholfen, erfolgreich zu sein, dazuzugehören, uns sicher zu fühlen oder schwierige Zeiten zu überstehen.
In meiner Coaching-Praxis – und auch in mir selbst (siehe Titelbild) – begegne ich verschiedenen „Soldaten-Uniformen“. Manchmal tragen wir sogar mehrere davon gleichzeitig. Vielleicht erkennst du die eine oder andere wieder:
- Der Macher: „Arbeite hart. Mach es richtig. Enttäusche niemanden.“
Einst ein kraftvoller Weg zum Erfolg. Heute kann er es uns schwer machen, die Frage zu stellen: Was will ICH eigentlich? - Der Performer: „Mach sie stolz. Zeig ihnen, was du kannst.“
Anerkennung gab uns vielleicht einmal Sicherheit und das Gefühl dazuzugehören. Heute kann es sich merkwürdig ungewohnt anfühlen, einfach genug zu sein. - Der Harmoniemensch: „Verstehe die anderen. Bewahre den Frieden. Verärgere niemanden.“
Empathie und Diplomatie mögen uns wunderbar gedient haben – bis irgendwann unsere eigenen Bedürfnisse aus dem Gespräch verschwanden. - Der Kontrolleur: „Denk es genau durch. Mach keinen Fehler. Sei vorbereitet.“
Ein hervorragender Beschützer, solange Probleme gelöst werden können – aber unglaublich anstrengend, wenn das Leben von uns verlangt, mit Unsicherheit zu leben.

In all den Jahren, nachdem der Krieg längst beendet war, wurden durch Onoda weiterhin Menschen verletzt und leider sogar getötet. Es hatte reale Konsequenzen, einen Krieg weiterzukämpfen, den es längst nicht mehr gab.
Auch unsere psychologischen treuen Soldaten können Schaden anrichten. Aber das macht diese Soldaten nicht zu unseren Feinden.
Sie haben uns beschützt, uns geholfen, erfolgreich zu sein, oder uns schlicht durch schwierige Zeiten gebracht. Vielleicht können wir ihnen dankbar sein für alles, was sie für uns getan haben – und uns gleichzeitig fragen:
Ist ihr alter Auftrag noch notwendig? Müssen sie wirklich ständig Wache stehen?
Vielleicht können wir sie nun aus ihrem Dienst entlassen – oder sie zumindest auf Teilzeit setzen. 😄
Denn vielleicht müssen unsere treuen Soldaten gar nicht komplett verschwinden.
Vielleicht brauchen sie einfach nur eine etwas geänderte Stellenbeschreibung.
Was meinst du?

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