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Warum es manchmal gut sein kann, sich verloren zu fühlen

Joerg Kuehn · Jul 27, 2026 · Leave a Comment

William Bridges beschäftigte sich über viele Jahre intensiv mit den verschiedenen Übergängen, die Menschen im Laufe ihres Lebens durchlaufen. In Workshops und Gesprächen mit Menschen, die ganz unterschiedliche Phasen und Veränderungen durchlebten, fiel ihm auf, dass viele von ihnen erstaunlich ähnliche Erfahrungen machten.

Aus diesen Beobachtungen entstand 1980 sein Buch Transitions. Mehr als vierzig Jahre später gilt es noch immer als eines der einflussreichsten Bücher über die Frage, wie wir große Veränderungen im Leben bewältigen können.

Bridges unterscheidet dabei zwischen Veränderung und Transition.

Eine Veränderung ist das äußere Ereignis: ein neuer Job, eine Beförderung, der Ruhestand, das Ende einer Beziehung, ein Umzug, die Geburt eines Kindes oder der Abschluss einer wichtigen Ausbildung.

Die Transition hingegen beschreibt den inneren psychologischen Prozess den wir durchlaufen, während wir uns auf diese Veränderung einstellen.

Sein Modell ist denkbar einfach. Größere Übergänge bestehen meist aus drei Phasen:

  1. Abschied (Endings)
  2. Die neutrale Zone (Neutral Zone)
  3. Neubeginn (New Beginnings)
Grafik basierend auf dem Transition Model von William Bridges

Am meisten fasziniert mich dabei die neutrale Zone. Ich würde sie ganz persönlich als die Waschmaschine des Lebens beschreiben.

Stell Dir vor, Du sitzt mitten in einer Waschmaschine, die gerade ihren Schleudergang begonnen hat.

Es ist laut. Chaotisch. Alles wird durcheinandergewirbelt. Und wenn versehentlich eine knallrote Socke mit in der Trommel gelandet ist, haben wir keine Ahnung, welche Farbe am Ende dabei herauskommt.

Genau das meint Bridges mit einer Transition.

Etwas verändert sich in uns – aber wir wissen noch nicht, wie das Ergebnis aussehen wird.

Die alte Version von uns beginnt sich aufzulösen, während die neue noch gar nicht so richtig entstanden ist. Und genau diese Unsicherheit macht die neutrale Zone so unangenehm.

Besonders spannend fand ich, dass dies nicht nur für schwierige oder schmerzhafte Ereignisse gilt. Auch eine Beförderung im Job, eine Hochzeit, die Geburt eines Kindes, der Ruhestand oder der Abschluss einer Ausbildung können uns in die Waschmaschine werfen.

Von außen betrachtet sind das alles positive Ereignisse. Innerlich bedeuten sie trotzdem, dass wir uns von alten Rollen und Identitäten verabschieden müssen, bevor wir wirklich im neuen Lebensabschnitt ankommen können.

Bridges beschreibt fünf Erfahrungen, die uns beim Loslassen und beim Eintritt in die neutrale Zone häufig begegnen.

Ich glaube diese fünf “D’s” zu kennen, kann helfen, besser zu verstehen, was gerade in uns passiert – und dieser oft schwierigen Phase mit etwas mehr Geduld und Mitgefühl zu begegnen.

  1. Disengagement (Rückzug)
    Wir ziehen uns von vertrauten Routinen, Beziehungen oder Arbeitsweisen zurück. Vielleicht brauchen wir mehr Zeit für uns oder möchten uns vorübergehend etwas zurückziehen. Das ist oft ein ganz natürlicher Teil des Prozesses in der neutralen Zone.
  2. Dismantling (Auseinandernehmen)
    Mit etwas Abstand beginnen wir, den vergangenen Lebensabschnitt Stück für Stück auseinanderzunehmen. Wir erkennen nicht nur das Gute, sondern auch seine Grenzen.
  3. Disenchantment (Entzauberung)
    Langsam wird uns bewusst, dass das Alte nicht mehr wirklich zu uns passt. Was sich früher richtig angefühlt hat, trägt uns heute vielleicht nicht mehr.
  4. Dis-identification (Loslassen der Identität)
    Vielleicht der schwierigste Schritt überhaupt. Wir lösen uns von Rollen, Titeln und Identitäten, die uns lange geprägt haben. Die Frage „Wer bin ich jetzt eigentlich?” kann dabei durchaus verunsichernd sein.
  5. Disorientation (Orientierungslosigkeit)

Wenn das Alte bereits verschwunden ist und das Neue noch nicht da ist, fühlen wir uns leicht verloren oder orientierungslos. Es ist, als würden wir am Ufer des Vergangenen stehen und auf unbekannte Gewässer blicken.

Aus Bridges’ Sicht sind diese Erfahrungen kein Zeichen dafür, dass etwas schiefläuft. Sie sind vielmehr ein Zeichen dafür, dass gerade eine Transition stattfindet. Die fünf “D’s” lassen die Waschmaschine zwar nicht aufhören sich zu drehen. Aber sie können uns daran erinnern, dass das, was wir erleben, ein normaler Teil des Weges ist.

Und vielleicht hilft genau dieses Verständnis dabei, lange genug in der Waschmaschine zu bleiben, damit etwas Neues entstehen kann.

Falls Du selbst – oder jemand in Deinem Umfeld – gerade eine Phase durchlebt, die sich etwas verwirrend, emotional, ungewohnt unproduktiv oder langsam anfühlt, dann frag Dich vielleicht: Bin ich gerade einfach in der neutralen Zone?

Wenn die Antwort Ja lautet, besteht die Aufgabe vielleicht gar nicht darin, möglichst schnell Klarheit zu schaffen oder den nächsten Lebensabschnitt zu erzwingen. Vielleicht geht es vielmehr darum, anzuerkennen, was zu Ende geht, und Dir selbst die Erlaubnis zu geben, eine Zeit lang in der Waschmaschine zu sitzen.

Es wird vermutlich Momente geben, in denen Du am liebsten zurück in das Alte möchtest – einfach, weil es sich vertraut anfühlt. Wenn es irgendwie geht, widerstehe dieser Versuchung. Kleine Schritte nach vorne reichen völlig aus. Du musst nicht den ganzen Weg sehen – nur den nächsten Schritt.

Sprich mit Freunden. Hol Dir Unterstützung. Und vor allem: Sei freundlich zu Dir selbst.

Die neutrale Zone fühlt sich selten angenehm an. Aber genau dort entsteht oft das tiefste Wachstum.

Irgendwann endet jeder Schleudergang.

Und vielleicht stellst Du dann fest, dass nicht nur Deine Situation eine andere geworden ist. Sondern auch Du selbst.

Alles Gute beim Waschen. 😊

Joerg

 

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Deutscher Blog mit Stress umgehen, Positive Einstellung, Resilienz, Selbstverwaltung, Transition, Unterstützung

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